offener Brief zur aktuellen Situation am Leonberger Krankenhaus

Veröffentlicht am 27.10.2026 in Aktuelles

Sehr geehrter Landrat Bernhard, sehr geehrter Herr Schmidtke,

sehr geehrte Kreisrätinnen und Kreisräte und Funktionsträger*innen in den Kommunen

Wir wenden uns als „alte und neue“ Kreisräte und als Sprecher der SPD Leonberg gemeinsam an Sie

Die Diskussion um eine mögliche Schließung des Leonberger Krankenhauses schlägt hohe Wellen.

Die ohnehin permanent im Raum stehenden Befürchtungen um die Zukunft des Leonberger Krankenhauses

haben durch die geleakten Planspiele im Ältestenrat konkrete Nahrung erhalten und bestätigen diejenigen, die seit Jahren behaupten, über das Schicksal des Leonberger Krankenhauses sei schon lange entschieden.  Misstrauen        und Enttäuschung auf der einen Seite und die blanke finanzielle Not der Kommunen auf der anderen Seite haben die Situation dermaßen aufgeladen, dass sachliche Überlegungen hinter zwei Extrempositionen zurückstehen.

Am einen Ende stehen diejenigen, die eine Grundversorgung der Leonberger Region durch das Krankenhaus für unverzichtbarhalten und sich hintergangen fühlen.                                                                                                                                                                            Am anderen Ende stehen Kreisräte, Gemeindevertreter und Bürger von Kommunen, deren medizinische Versorgung anderweitig gesichert ist. Sie schauen lediglich auf die hohen Kosten des Leonberger Krankenhauses, Gelder, die sie dringend für ihre Kommunen benötigen, denen das Wasser finanziell bis zum Hals steht.

Bei beiden Positionen sind erhebliche Emotionen im Spiel, die dafür sorgen, dass vor allem diejenigen Sachargumente gesehen und überbewertet werden, die die eigene Position stützen.

Wir möchten mit Sachinformation und einer Analyse der Positionen das Verstehen und Bewerten der unterschiedlichen Standpunkte erleichtern, und eine Vorlage für die nötigen Diskussionen geben.

Zu Position 1

Obwohl das Krankenhaus in der öffentlichen Wahrnehmung als unverzichtbar gilt, bevorzugen 80% der Leonberger Bevölkerung für stationäre Behandlungen schon vor Beginn der Flugfelddiskussion andere Krankenhäuser. Das hat leider deutlich negative Auswirkungen auf die Höhe des Defizits für Leonberg, zeigt aber, dass die Mehrheit der Leonberger weitere Wege für die stationäre Behandlung problemlos in Kauf nimmt.                                                                                                                                                                                               Ganz anders sieht das für die Notfallversorgung aus. 30.000 Fälle wurden in der zentralen Notaufnahme des Krankenhauses im letzten Jahr behandelt, 6400 davon mussten stationär aufgenommen werden. 

Viele Leonberger*innen kennen die Wartezeiten in der Notaufnahme; an kritischen Tagen auch mal über 4 Stunden. Hinzu kommt die ärztliche Bereitschaftspraxis am Krankenhaus mit ca. 14.000 Patienten jährlich.                                                                             Die Notaufnahme des Krankenhauses ist für die Kassenärztliche Vereinigung die Grundbedingung für den Betrieb einer Bereitschaftspraxis.                                                                                                                                                                                                                 Das bedeutet: Bei Schließung der Klinik gibt es gar keine Notfallversorgung mehr im nördlichen Landkreis! 

Das ist unverantwortlich, erst recht vor dem Hintergrund, dass auch in der zentralen Notaufnahme des Klinikums Böblingen/Sindelfingen (später Flugfeldklinikum) in diesem heißen Sommer Wartezeiten von über 6 Stunden zu beklagen waren. Wohin sollen sich Patient*innen dann wenden, wenn man sich jetzt schon organisatorisch an der Grenze des Verantwortbaren bewegen muss?  Diese Grenze darf man nicht vorsätzlich durch die Schließung des Leonberger Krankenhauses und den damit verbundenen Verlust der dringend benötigter Versorgungskapazitäten   überschreiten.         

Dann geht es nicht mehr um Leonberg und die Versorgung des nördlichen Landkreises, sondern um einen Versorgungsengpass für den gesamten Kreis und der betrifft auch die Kommunen, die das Leonberger Haus bisher wenig interessiert.                                                                                                                                                                                                               

Da steht der Landkreis in gesetzlicher Verantwortung für eine ausreichende Versorgungskapazität.                                                                                                                                                                                    

Zu Position 2

Die finanzielle Not von Landkreis und Kommunen ist unbestritten. Das durch Leonberg verursachte Defizit liegt je    nach Betrachtung zwischen 8 und 10 Millionen Euro. Es wäre zu schön, diese so einfach einzusparen. Aber dann gehört auch eine ehrliche Berechnung dazu, die zeigt, was von dieser traumhaften Einsparung tatsächlich Realität würde. 

6400 stationäre Patienten jährlich aus der Leonberger Notaufnahme würden in andere Häuser gehen, ebenso die Patienten, die bisher wegen komplexer Diagnosen aus dem Leonberger Haus nach Böblingen/Sindelfingen verlegt werden. All diese Honorare gingen verloren, Zahlen dazu werden aber bei den laufenden Diskussionen nicht benannt.   

Noch gravierender sind die Kosten in der Notfallbehandlung. Insgesamt sind sie im Klinikverbund für ca.                         12 Millionen Euro des Gesamtdefizits verantwortlich. Pro behandeltem Patient liegt das Defizit bei 100€!                                                        Und das sind keine Kosten für Infrastruktur, sondern reine Behandlungskosten!                                                                               Sie würden also nicht mit dem Leonberger Haus verschwinden, sondern lediglich ins Flugfeldklinikum exportiert!  Wenn man das für Leonberg umrechnet, werden von 30.000 Notfallpatient*innen ca. 6.000 stationär aufgenommen und anders abgerechnet. 24.000 Fälle schlagen aber bei -100 € pro Fall mit einem Defizit  von 2,4 Millionen Euro zu Buche.

Unsere Schlussfolgerungen:    

                                                                                                                                                                                       

1. Unter Versorgungsgesichtspunkten wäre eine Verkleinerung des Stationären Behandlungsangebots in Leonberg         in einem Umfang akzeptabel, der die Existenz der zentralen Notaufnahme nicht gefährdet.   

                                                                                                                                                                                                                                  

 2. Die möglichen Einsparungen bei einer völligen Schließung des Leonberger Krankenhauses sind wohl viel geringer als die optimistischen Annahmen, eine fundierte Berechnung fehlt aber bis jetzt.  

3. Erhoffte Einsparungen würden, wenn überhaupt, erst deutlich nach Fertigstellung des Flugfeldklinikums realisierbar sein, die ja nach ihrem Start einen substantiell wesentlich größeren Beitrag zum Abbau des Defizits leisten soll, als das Leonberger Krankenhaus.

4. Wie sollen Kreisräte eine Entscheidung über das Leonberger Haus treffen, ohne die finanziellen Auswirkungen genau zu kennen, ohne über den Engpass in der Notfallversorgung wirklich bescheid zu wissen, ohne ein realistisches Konzept für ein Leonberger Krankenhaus, mit einer Grundausstattung, wie sie für eine zentrale Notaufnahme gefordert ist, ohne die Gutachten abzuwarten und politisch zu bewerten,  die dazu sowohl von der Stadt Leonberg und wohl auch vom Klinikverbund Südwest in Auftrag gegeben sind. 

5. Ein so weit gehender Eingriff in das beschlossene Medizinkonzept 2030 wie die Schließung eines Krankenhauses liegt nicht alleine in der Zuständigkeit des Landkreises Böblingen. Dafür ist auch die Zustimmung des Landkreises Calw erforderlich (doppelte Landkreismehrheit).

Unser Appell:  Treffen Sie weitreichende politische Entscheidungen zum Leonberger Krankenhaus erst, wenn die sachlichen Grundlagen dafür gegeben sind: ein realistisches, zeitnah realisierbares Konzept, Klarheit über die finanziellen Auswirkungen und die Sicherstellung einer guten Notfallversorgung rund um die Uhr.  

Stellen Sie aber bitte bereits kurzfristig die Weichen für einen fundierten Zeitplan bis zur Entscheidungsfindung                                                                                                                  und späteren Umsetzung der Beschlüsse. Das ist der Kreistag vor allem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schuldig, die eine Unsicherheit über ihre berufliche und private Zukunft nicht über Jahre aushalten können. Wenn das nicht überzeugend gelingt, werden diejenigen Fachkräfte, die berufliche Alternativen haben, das Haus verlassen und damit vollendete Tatsachen schaffen.

Leonberg, im Oktober 2026                                   Monika Hermann                                             Günther Wöhler

                                                 Christian Buch und Katrin Sattler

                                                                                                                            Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Leonberg

 

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