Laudatio an die Kulturpreisträgerinnen Monica Mather und Renate Stäbler

Reden/Artikel


Renate Stäbler (links) und Monica Mather bei der Kulturpreisverleihung im November 2009

Von Prof. Dr. Axel Kuhn, Vorsitzender des Leonbergers Galerievereines, an die Kulturpreisträgerinnen 2009 Monica Mather und Renate Stäbler:

Liebe Monica Mather, liebe Renate Stäbler, meine Damen und Herren!

Ich beginne mit einem Zitat aus dem Hauptwerk der beiden Preisträgerinnen:
„Zum Wir-Empfinden beitragen kann sicher auch Geschichtsbewusstsein. Wer in die Geschichte des altwürttembergischen Fleckens Warmbronn mit ihren Höhen und Tiefen eindringt, findet viele Möglichkeiten der Identifikation. Die geplagten Leibeigenen des Hirsauer Klosters, die leidenden Menschen des Dreißigjährigen Krieges und unschuldig verurteilten Hexen haben hier ebenso gelebt wie die stolzen Bauern, die sich ihr eigenes Dorfrecht gaben und die tüchtigen Bäuerinnen, die neben der Haus- und Feldarbeit auch noch zahlreiche Kinder groß zogen. Es gab hier großartige Schultheißen, aufrechte Frauen und Männer und einen großen Dichter. Warmbronn, das ist eine über 900-jährige Geschichte, und die heute lebenden Warmbronnerinnen und Warmbronner sind ein Teil davon.“

Monica Mather und Renate Stäbler geht es in all ihren Arbeiten nicht um eine chronologische Wiedergabe von Ereignissen der Vergangenheit, es geht ihnen um ein identitätsstiftendes Geschichtsbild. Geschichtsschreibung – immer auf der Grundlage nachprüfbarer Quellen – bedeutet für sie Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Ob sie sich mit den KZ-Insassen, den mittelalterlichen Beginen im Leonberger Raum oder den Bewohnern in ihrem Wohn- und Lebensort beschäftigen, immer ist ihr Blick nach vorn gerichtet. Dabei haben sie sich bewusst dafür entschieden, ihre Heimat aus dem Blickwinkel der kleinen Leute zu erforschen. Denn diese sind es, die die Folgen von Entscheidungen der jeweils Herrschenden unmittelbar auszubaden haben. Diese sind es, mit denen wir uns identifizieren können. Diese sind es, deren Handlungsspielräume in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft es auszuloten gilt. Geschichte von unten, Emanzipationsgeschichte – das sind vielversprechende Zugriffe auf die Vergangenheit, wenn es um die Stärkung von Geschichtsbewusstsein, um Stiftung von Identität geht. Eine demokratische Gesellschaft braucht auch eine demokratische Geschichtsschreibung; Monica Mather und Renate Stäbler haben ihr Leben lang an beidem gearbeitet.
Dabei ist den beiden Preisträgerinnen das Talent, Geschichte zu schreiben, nicht in die Wiege gelegt worden. Begonnen haben sie ihr kulturpolisches Engagement auf dem Feld der Bildenden Kunst, und darüber lernten sie sich auch kennen. Monica Mather kam 1968 nach einer Fotographenlehre und einem Volontariat bei der Schorndorfer Zeitung nach Leonberg. In der Lokalredaktion der Leonberger Kreiszeitung machte sie den leitenden Herren klar, „dass Leonberg Kultur braucht“. Sie baute den Kulturteil der Zeitung auf und vergrößerte ihn, bis das Feuilleton nicht mehr unterm Strich erschien, sondern eine ganze Seite umfasste. Sie schrieb über Leonberger Künstler, die ihre Arbeiten in einer juryfreien Ausstellung auf dem Stuttgarter Killesberg zeigten – damals eine unerhörte Neuigkeit und ein Hauch von 1968.
Sie sorgte mit ihren Artikeln dafür, dass die Landesbühne weiterhin in der Steinturnhalle auftreten konnte, als die Stadt Leonberg kein Geld für Kultur übrig hatte: Die LKZ übernahm die Kosten. Sie drängte die Stadt Leonberg, das Christian-Wagner-Haus vor dem Verfall zu retten.
Renate Stäbler arbeitete seit 1968 bei der Leonberger Bausparkasse, seit 1975 als freigestellte Betriebsratsvorsitzende. Sie begeisterte sich für die Bildende Kunst, insbesondere für „das Informelle“, den Werken von Baumeister, Ackermann, die zum freien Assoziieren anregten. Sie brachte dem Chef von Leo-Bau die Idee einer Kunstgruppe nahe.
Dann kam der 4. August 1978. Das Datum wissen die beiden noch heute. Es fiel ihnen ein Buch in die Hände, herausgegeben von Herwart Vorländer, in dem über sieben württembergische Außenkommandos des Konzentrationslagers Natzweiler berichtet wurde: Leonberg war eins davon. Schlagartig wurde ihr Interesse an diesem furchtbaren und wichtigen Thema geweckt. Es gibt solche Aha-Erlebnisse bei vielen Menschen; Entdeckungen, die das Leben verändern.
Aber bevor sie ernsthaft in das Thema einsteigen konnten, mussten sie „aus dem Beruf heraus“. Bei Renate Stäbler war das 1995 der Fall. Sie verwirklichte sich ihren Traum und ging als Gasthörerin an die Universität Stuttgart, hörte Vorlesungen in Kunstgeschichte, Politikwissenschaft und Geschichte. „Damals hat mein Leben neu angefangen“, erinnert sie sich. Sie überredete Monica Mather, bei der LKZ nur noch als freie Mitarbeiterin tätig zu sein, und zusammen mit ihr die Sitze in den Hörsälen zu drücken.
Das war auch die Zeit, in der ich die beiden näher kennenlernte. Sie saßen immer in den hintersten Reihen, um den „normalen“ Studierenden nicht die guten Plätze weg zu nehmen. Sie saßen immer am Rand, als ob sie sich noch den Weg zum Rückzug frei halten müssten. Aber es gab für sie kein Zurück mehr.
Wenn einen das Interesse an der Geschichte gepackt hat, gibt es kein Zurück mehr.
Auch wenn es – wie bei Monica und Renate geschehen – Drohbriefe gibt, wenn eines Tages ein Nagel im Autoreifen steckt, oder wenn ihnen bei der Erforschung von NS-Verstrickungen eine Wand des Schweigens im Dorf entgegensteht.
Als dann 1999 die KZ-Gedenkstätten-Initiative gegründet wurde und die Idee einer Geschichtswerkstatt entstand, waren die beiden Preisträgerinnen sofort dabei. Nun lernten sie auch mit Hilfe von Frau Gramm, wie man in Archiven arbeitet; nun konzentrierten sie sich als Gasthörerinnen auf die Neuere Geschichte. Aber nicht nur passiv als Hörerinnen. Ich erinnere mich noch, wie Renate Stäbler in bester Betriebsrätin-Manier etwa 30 Gasthörer, die einen Streik der Studenten durch ihre Anwesenheit im Hörsaal unterliefen, aufforderte, sich den Streikenden anzuschließen, damit der Professor seine Vorlesung nicht halten musste.
Nach dreijähriger Arbeit erschien im Jahre 2001 der Sammelband „Konzentrationslager und Zwangsarbeit in Leonberg“. Stolz werden die beiden gewesen sein, als sie ihn in den Händen hielten, den Band mit ihren ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Aber das Thema durfte nicht zwischen zwei Buchdeckeln begraben werden, es musste in der Öffentlichkeit wirken. Renate Stäblers Idee war es, einen Weg der Erinnerung aufzubauen. Der wurde ebenfalls im Jahre 2001 eingeweiht, und seitdem hat sie ihn in unzähligen Führungen durchschritten, unter anderem auch mit den Mitarbeitern des Historischen Instituts der Universität Stuttgart. Wohl aus dieser Tätigkeit heraus entstand dann die erste Schrift, die die beiden selbständig verfassten und die zunächst im Publikationsorgan des Heimatgeschichtsvereins für Schönbuch und Gäu veröffentlicht wurde. Sie trägt den für ihr Geschichtsverständnis bezeichnenden Titel „Schwierigkeiten des Erinnerns“ und befasst sich mit der Rezeptionsgeschichte des KZ Leonberg.
Ein ganz anderes Thema tat sich Monica Mather und Renate Stäbler auf, als sie durch Buchlektüre und Belgien-Urlaub auf die Beginen stießen, jenen Frauengemeinschaften des Mittelalters, die ein religiöses Leben ohne Ordensbindung führten.
In mühevoller Mosaikarbeit haben sie die spärlichen Spuren der Beginen im Leonberger Raum zusammengetragen, hauptsächlich aus den Buchbeständen der Landesbibliothek Stuttgart. Auch diese verdienstvolle Arbeit wurde zunächst in den Blättern des Heimatvereins veröffentlicht und ist anlässlich der Preisverleihung als zweiter Band der Warmbronner Anstöße neu erschienen.
Und nun noch einmal zurück zum bisherigen Hauptwerk von Monica Mather und Renate Stäbler, der Warmbronner Ortsgeschichte. Wenn ich ein wissenschaftliches Gutachten über das Werk schreiben müsste, dann würde ich lobend hervorheben, dass es direkt aus den unveröffentlichten Quellen mehrerer Archive und, bei den letzten Kapiteln, auch durch Befragung von Zeitzeugen entstanden ist, dass die bisher veröffentlichte Literatur eingearbeitet wurde, und dass das Verhältnis von lokalen Ereignissen und württembergischem sowie nationalem Zeitgeschehen stimmt. Da ich aber keine Noten geben muss, möchte ich nur noch folgendes sagen: Bitte bedenken Sie, meine Damen und herren, wieviele unterschiedliche Handschriften in einer Zeitspanne von 900 Jahren entziffert werden müssen! Und noch eins: Selbst viele meiner Studierenden, die als Abschlussarbeit eine Ortsgeschichte verfassten, haben das Zusammenspiel von lokalem Geschehen und allgemeiner Geschichte nicht so perfekt hinbekommen, wie unsere beiden Preisträgerinnen.
Monica Mather und Renate Stäbler haben sich den Kulturpreis der SPD redlich verdient. Voller Anerkennung stehen wir vor einem Oeuvre von zwei Autodidaktinnen, die sich die wissenschaftlichen Methoden, die Technik der Quellensuche und den kritischen Umgang mit der nicht immer seriösen Literatur erarbeitet haben; Schritt für Schritt, so wie sie es für das jeweilige Thema brauchten, zunächst unter behutsamer Anleitung, dann immer mehr in eigenständiger Regie – jedenfalls nicht in einem akademischen Trockenkurs, sondern stets praxisnah und projektbezogen; so wie fortschrittliches und freiheitliches Lernen überhaupt stattfinden sollte.
Welches Thema werden die beiden in Zukunft aufgreifen? „Mich interessiert alles, was renitent und widerborstig ist“, sagt Renate Stäbler, und Monica Mather nickt zustimmend dazu. „Vielleicht den radikalen Pietismus im Leonberger Raum.“
Mit Renitenz und Widerborstigkeit schließt sich der Kreis zum sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Engagement der beiden Preisträgerinnen, die natürlich auch – schon lange her, aber ebenfalls Kulturarbeit – die erste SPD-Zeitung in Leonberg mit einer Auflage von 8000 Exemplaren verfasst haben.

Liebe Monica, liebe Renate,
ich wünsche Euch, dass Ihr Euch kurz und intensiv auf Euren Lorbeeren ausruht und dann mit altem Engagement die neuen Themen aufgreift, die Euch am Herzen liegen.

 
 

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